Gibt es wirklich blauen Wein?
Kurze Antwort
Blauer Wein existiert als kommerzielles Produkt, insbesondere die spanischen Marken Gïk und Vindigo, die aus Weißwein mit Indigotin (E132) und Anthocyanen aus Traubenschalen hergestellt werden. Rechtlich gelten sie in der EU nicht als Wein im Sinne der Verordnung 1308/2013.
Ausführliche Antwort
Der blaue Wein entstand 2015 in Bilbao (Baskenland) durch sechs Gründer des Start-ups Gïk Live, darunter der Ex-Zara-Marketingmanager Iñigo Alday. Die Technik verwendet einen Blend aus Weißwein (80 %) und Rotwein (20 %), dem zwei Farbstoffe zugesetzt werden: Anthocyane aus Traubenschalen (natürliche rötliche Pigmente) und das synthetische Indigotin (E132), ein Lebensmittelfarbstoff aus der Chemie-Industrie. Die Reaktion dieser Pigmente bei pH 3,3 ergibt einen intensiven Türkisblau-Ton. Der Wein ist meist halbtrocken mit 25–35 g/L Restzucker und 11,5 % Alkohol.
Die rechtliche Einordnung ist umstritten. Die EU-Verordnung 1308/2013 und 2019/33 definieren Wein als „Erzeugnis aus vergorenem Traubenmost ohne Zusatz synthetischer Farbstoffe“. Die spanische Weinregulierung (OIVE) zwang Gïk 2017 zur Neukennzeichnung als „alkoholisches Getränk auf Weinbasis“ statt „Wein“. In Frankreich folgte das Produkt Vindigo (2018) mit derselben Auflage. Ein wenig bekannter Fakt: Der historische Präzedenzfall existiert: Im 18. Jahrhundert färbten spanische Klöster Wein mit Indigo-Pflanze (Isatis tinctoria) für liturgische Zwecke, was als „Vino Azul“ dokumentiert ist.
Qualitativ ist blauer Wein umstritten. Sommeliers wie Pascaline Lepeltier MS bezeichnen ihn als „Marketing-Produkt ohne önologische Substanz“, während Restaurants ihn als Lifestyle-Angebot auf Instagram-tauglichen Karten führen. Die Verkaufszahlen sind dennoch signifikant: Gïk erreichte 2024 einen Umsatz von 8 Millionen Euro in 25 Ländern, hauptsächlich Japan, USA, und Frankreich. Der Trend hat weitere Blauweine hervorgebracht: Blanc Bleu aus Frankreich, The Blue One aus Italien, Psyko 17 aus Deutschland. Paradoxerweise ist die belgische Nachfrage moderat, da der lokale Konsument als preisbewusst und traditionell orientiert gilt. Die Ernährungsphysiologische Bewertung: Indigotin E132 ist in der EU als Lebensmittelfarbstoff zugelassen, aber in Kombination mit Alkohol weniger studiert, weshalb einige Nahrungsmittelbehörden (ANSES Frankreich 2019) Vorsicht empfehlen. Blauer Wein ist also mehr Marketing-Phänomen als önologische Revolution, aber als Kuriosum in der Kategorie „Lifestyle-Weine“ etabliert.