Kann man einen 20 Jahre alten Wein noch trinken?
Kurze Antwort
Ja, vorausgesetzt, der Wein wurde für die Langzeitreifung konzipiert (tanninreich, säurebetont, ausreichend Alkohol) und sachgerecht gelagert. Nur etwa 5 bis 10 % der weltweit produzierten Weine profitieren von 20 Jahren Flaschenreife – die überwiegende Mehrheit ist auf frühen Genuss ausgelegt.
Ausführliche Antwort
Die Alterungsfähigkeit eines Weines wird bereits im Weinberg entschieden. Strukturreiche Cuvées mit hoher Tanninkonzentration, wie ein Barolo aus dem Anbaugebiet Piemont oder ein Médoc-Grand-Cru-Classé, besitzen die phenolische Substanz, um zwei bis drei Jahrzehnte zu überdauern. Süßweine mit hohem Restzuckeranteil – ein Tokaji Aszú aus Ungarn mit 6 Puttonyos, ein Château d'Yquem oder eine deutsche Trockenbeerenauslese – profitieren von Zucker und Säure als doppeltem Konservierungsmittel und erreichen regelmäßig 50 bis 100 Jahre Haltbarkeit.
Interessant ist die Rolle der Botrytis cinerea bei Edelsüßweinen: Der Edelschimmelpilz konzentriert nicht nur Zucker, sondern produziert auch das Antibiotikum Botryticin, das bakterielle Aktivität über Jahrzehnte hemmt. Alte Jahrgänge eines Yquem aus den 1890er Jahren zeigen bei modernen Verkostungen noch vollkommen intakte Aromatik mit Honig, kandierten Zitrusfrüchten und Quitte.
Die Lagerbedingungen sind ebenso entscheidend wie die Ursprungsqualität. Eine konstante Temperatur zwischen 11 und 14 °C, eine relative Luftfeuchtigkeit von 65 bis 75 %, völlige Dunkelheit und absolute Vibrationsfreiheit sind die klassischen Kriterien. Temperaturschwankungen über 3 °C pro Saison beschleunigen die Oxidation exponentiell und können selbst einen Langstrecken-Wein binnen weniger Jahre ruinieren. Im Château Latour werden Reserveweine in der Privatcuvée bei konstanten 12,5 °C mit ±0,3 °C Toleranz bewahrt.
Ein wenig bekannter Fakt: Weine aus kühlen Jahrgängen altern oft besser als solche aus heißen Jahren. Der legendäre 1996er Bordeaux, gewachsen unter kühlen Bedingungen mit hoher Gesamtsäure, zeigt heute eine bessere Frische als der wärmere 2003er, dessen üppige Struktur schneller flach wird. Deutsche Rieslinge aus kühlen Jahrgängen wie 2008 oder 2010 reifen erfahrungsgemäß über 30 bis 40 Jahre elegant. Bei geringerer Flaschenhöhe („low shoulder" bei Bordeaux-Flaschen) ist die Oxidation bereits fortgeschritten.