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Schützt das Resveratrol im Rotwein tatsächlich das Herz?

Kurze Antwort

Im Labor zeigt Resveratrol kardioprotektive Effekte, die Dosen im Rotwein (0,2-12 mg/l) sind aber zu gering für therapeutische Wirkung. Man müsste täglich hunderte Flaschen trinken, um Studiendosen zu erreichen. Die kleine Wirkung wird durch den Alkohol konterkariert.

Ausführliche Antwort

Resveratrol ist ein Polyphenol aus der Gruppe der Stilbene, das in den Schalen roter Trauben als natürliches Fungizid gegen den Echten Mehltau (Oidium) und Grauschimmel (Botrytis) produziert wird. Die Entdeckung der in-vitro-Wirkung des Resveratrols 1997 durch David Sinclair an der Harvard Medical School hat eine Welle von Studien und einen milliardenschweren Markt für Resveratrol-Nahrungsergänzungsmittel ausgelöst. Methodisch ist jedoch zwischen Laborwirkung und realer Wirkung beim Konsum zu differenzieren.

Laborbefunde: Resveratrol aktiviert das Sirtuin-1-Gen (SIRT1), das mit Zellreparatur und Langlebigkeit assoziiert ist. In Tiermodellen verlängert Resveratrol die Lebensspanne von Hefen, Würmern, Fruchtfliegen und Mäusen um 10-30 %. Kardioprotektive Effekte umfassen: Hemmung der LDL-Oxidation (Vorstufe der Arteriosklerose), Vasodilatation durch NO-Freisetzung, Reduktion der Thrombozyten-Aggregation.

Quantitative Realität: In den erfolgreichen Tierstudien wurden Dosen von 20-400 mg/kg Körpergewicht verabreicht. Für einen 70-kg-Menschen entspräche dies 1,4-28 g Resveratrol täglich. Ein Glas Rotwein mit 1,5 mg/l liefert 0,23 mg pro 150 ml – ein Mensch müsste 6.000-120.000 Gläser Wein täglich trinken, um die Studiendosen zu erreichen. Die kardioprotektive Wirkung im realen Weinkonsum ist somit marginal.

Ein wenig bekannter Fakt: Die Resveratrol-Konzentration variiert enorm je nach Rebsorte und Anbauregion. Pinot Noir aus dem kühlen Burgund (mit höherem Krankheitsdruck) enthält bis zu 12 mg/l. Syrah aus dem heißen Australien oft unter 0,5 mg/l. Weißwein enthält praktisch kein Resveratrol, weil die Schalen während der Kelterung entfernt werden. Die trans-Resveratrol-Form (bioverfügbar) ist zusätzlich instabil gegenüber UV-Licht – Rotweine in dunklen Flaschen behalten mehr Resveratrol als in hellen.

Aktuelle Einordnung (Meta-Analyse Berman et al., JAMA 2021): Die ursprünglichen Sinclair-Studien waren methodisch überschätzt. Resveratrol-Nahrungsergänzungsmittel haben in klinischen Studien am Menschen keine signifikanten Lebensverlängerungseffekte gezeigt. Der vermutete kardioprotektive Effekt des Rotweins erklärt sich wahrscheinlich durch die Kombination aus mehreren Polyphenolen (Quercetin, Catechine, Anthocyane), leichtem Alkohol-Dilatationseffekt und dem Kontext mediterraner Ernährung.

Praktische Empfehlung: Wer Resveratrol konsumieren will, erhält es auch aus Heidelbeeren, Erdnüssen, Himbeeren, japanischem Staudenknöterich (Polygonum cuspidatum). Die Idee, Wein als gesunde Medizin zu rechtfertigen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Wein bleibt ein Genussmittel, das in moderaten Mengen einen marginalen kardiovaskulären Schutz bieten KANN, dessen Alkohol-Risiken aber den Nutzen meist überwiegen.

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