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Sollte man einen jungen Wein dekantieren?

Kurze Antwort

Ja, junge, tanninreiche Rotweine profitieren deutlich vom Dekantieren in eine breite Karaffe, das der Belüftung dient. Die Sauerstoffexposition weicht die Tannine auf und öffnet die Aromatik innerhalb von 30 Minuten bis 2 Stunden.

Ausführliche Antwort

Das Dekantieren eines jungen Weins hat eine andere Funktion als bei einem gealterten: Es geht nicht um das Abtrennen von Depot, sondern um die aktive Belüftung. Die chemischen Prozesse sind vielfältig. Der Kontakt mit Sauerstoff polymerisiert die Tannine, reduziert flüchtige reduktive Schwefelverbindungen (sogenannte Mercaptane), und verflüchtigt überschüssige Kohlensäure aus der alkoholischen Gärung. Besonders jung abgefüllte Syrah-, Cabernet- oder Nebbiolo-Weine wirken nach einer Stunde im Dekanter dramatisch zugänglicher.

Technisch gesehen ist die Oberfläche des Weins im Dekanter der entscheidende Parameter. Eine Karaffe mit breitem Bauch und schmalem Hals maximiert die Austauschfläche. Studien der Universität Bordeaux zeigen, dass eine klassische Magnum-Karaffe die Sauerstoffaufnahme im Vergleich zur Flasche um den Faktor 8 erhöht. Das ist vergleichbar mit der Mikrooxygenierung, die in modernen Kellereien mit kontrollierter O2-Zufuhr durch Sinterkerzen eingesetzt wird.

Interessant ist, dass nicht jeder junge Wein profitiert. Leichte Pinot Noirs, reduktiv ausgebaute Rieslinge oder delikate Chenins können durch zu langes Dekantieren ihre aromatische Präzision verlieren. Eine methodische Vorgehensweise: Riechen Sie den Wein direkt nach dem Öffnen, dekantieren Sie anschließend für 30 Minuten, und beurteilen Sie erneut. Bei strukturierten jungen Rotweinen aus Bordeaux, Toskana oder Douro sind jedoch 60 bis 120 Minuten Belüftung oft die Regel – mancher Barolo benötigt sogar drei bis vier Stunden, um seine tertiäre Komplexität offenzulegen.

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