Sollte man immer am Korken riechen?
Kurze Antwort
Nein, am Korken zu riechen ist weder notwendig noch besonders aussagekräftig. Der eigentliche Test auf Korkschmecker (TCA) erfolgt durch die Nase direkt am Wein im Glas. Sommelier-Profis prüfen den Korken visuell und haptisch, um dessen Zustand zu beurteilen, nicht zwingend olfaktorisch.
Ausführliche Antwort
Der historische Ritus des Korkenriechens stammt aus einer Zeit, als Kellner dem Gast den Korken zur Kontrolle reichten, damit dieser die Authentizität des Weins verifizieren konnte. Auf dem Korken war der Name der Domäne eingeprägt, und der Kunde konnte sicher sein, dass keine Umfüllung stattgefunden hatte. Mit der modernen Flaschenabfüllung und staatlicher Herkunftskontrolle hat diese Funktion ihre Relevanz verloren.
Das Hauptproblem, auf das Profis achten, ist der Korkschmecker (TCA, genauer 2,4,6-Trichloranisol). Dieser Fehlton entsteht durch die Reaktion von Chlorphenolen mit Schimmelpilzen im Kork. Bereits Konzentrationen von 1,5 ng/L sind für geschulte Nasen wahrnehmbar. Die Rate korkbedingter Fehltöne bei Naturkorken liegt trotz moderner Qualitätskontrollen immer noch bei 1–3 %. Der Fehler lässt sich am Korken selbst oft nur schwach erkennen, am Wein hingegen deutlich: muffig, modrig, wie feuchter Keller oder nasse Pappe.
Was Profis tatsächlich am Korken prüfen, ist seine Integrität: Ist er vollständig (nicht zerbröselt oder zerbrochen)? Ist das weinseitige Ende feucht und gleichmäßig gefärbt (Zeichen für korrekte horizontale Lagerung)? Finden sich Weinkristalle oder Schimmelflecken? Ist das Brandeisen des Erzeugers noch lesbar? Ein völlig trockener Korken deutet auf falsche Lagerung oder Luftkontakt hin.
Ein faszinierender Aspekt: Alternativen zum Naturkorken gewinnen seit 20 Jahren Marktanteile. Schraubverschlüsse (Stelvin), DIAM-Korken (aus Mikroagglomerat, nahezu TCA-frei), Glasverschlüsse (Vino-Lok) und synthetische Korken haben unterschiedliche Gasdurchlässigkeiten und prägen das Alterungspotenzial. Rieslinge aus der Mosel werden inzwischen zu über 70 % unter Schraubverschluss vermarktet, was früher undenkbar schien. Die Kontroverse bleibt: Traditionalisten argumentieren, dass Naturkork subtile Mikrooxidation für das langsame Altern ermöglicht – ein Effekt, den DIAM heute technisch reproduzieren kann.