Warum lagert man Weinflaschen liegend?
Kurze Antwort
Bei Naturkorken müssen Weinflaschen horizontal gelagert werden, damit der Korken durch Weinkontakt feucht bleibt. Ein ausgetrockneter Korken schrumpft, lässt Luft eindringen und den Wein oxidieren. Bei Schraubverschlüssen, Glasverschlüssen und synthetischen Korken ist die Lagerposition irrelevant; sie können auch stehend gelagert werden.
Ausführliche Antwort
Der Naturkork ist eine pflanzliche Struktur aus der Rinde der Korkeiche (Quercus suber), die hauptsächlich in Portugal (54 % der Weltproduktion) und Spanien (28 %) wächst. Diese einzigartige Rinde enthält Suberin, ein wachsartiges Polymer, und besteht aus rund 40 Millionen mikroskopisch kleinen, luftgefüllten Zellen pro Kubikzentimeter. Die Zellstruktur macht Kork flexibel, elastisch und fast luftdicht. Aber: Der Kork muss feucht bleiben, sonst schrumpft er.
Wenn ein Naturkork über Monate austrocknet, verlieren die Zellen ihre Elastizität. Die Schrumpfung reduziert den Durchmesser des Korkens, er wird nicht mehr fest vom Flaschenhals gepresst, und mikroskopische Luftkanäle entstehen zwischen Kork und Glas. Die Oxidation beschleunigt sich dramatisch: Ein Rotwein mit intaktem Korken nimmt pro Jahr 0,1–1 mg Sauerstoff auf; mit defektem Korken kann es das Zehnfache sein. Innerhalb von 1–2 Jahren kann ein perfekter Wein so ruiniert werden.
Horizontale Lagerung löst dieses Problem elegant: Der Wein steht in Kontakt mit dem Korken, der dadurch ständig feucht bleibt und seine Elastizität behält. In professionellen Weinkellern werden Flaschen in Regalen oder Kisten mit 14 °C und 70 % Luftfeuchtigkeit gelagert. Die Luftfeuchtigkeit ist wichtig: Zu trockene Keller (unter 50 %) lassen auch horizontal gelagerte Korken schneller austrocknen, weil der obere Teil des Korkens der Raumluft ausgesetzt ist. Die optimale Kombination ist 14 °C und 70–75 % Luftfeuchtigkeit.
Bei alternativen Verschlüssen gelten andere Regeln. Schraubverschlüsse (Stelvin) wurden ab 2000 zunehmend für hochwertige Weißweine eingeführt, besonders in Australien, Neuseeland und Deutschland. Über 90 % der neuseeländischen Weine und rund 70 % der deutschen Rieslinge werden heute unter Schraubverschluss vermarktet. Diese Verschlüsse erfordern keine horizontale Lagerung und bieten nachweislich null Korkschmecker. DIAM-Korken aus Mikroagglomerat (zermahlene Korkgranulate, neu verleimt) und synthetische Korken lassen sich ebenfalls stehend lagern. Glasverschlüsse (Vino-Lok) mit Silikondichtung sind perfekt dicht. Eine wenig bekannte Tatsache: Die horizontale Lagerung von Schaumweinen ist umstritten. Manche Experten empfehlen, Champagner stehend zu lagern, weil der CO2-Innendruck den Korken ohnehin nass hält, und die liegende Lage zu mehr Oberflächenkontakt zwischen Wein und Kork führt, was manche Aromen beeinträchtigen könnte. Bei langer Lagerung (10+ Jahre) sollte man die Flaschen aber regelmäßig um 90 Grad drehen, um einheitliche Befeuchtung zu gewährleisten.