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Warum verändert sich der Geschmack eines Weines beim Altern?

Kurze Antwort

Ein Wein entwickelt sich im Laufe der Zeit durch langsame chemische Prozesse in der Flasche: Oxidation, Polymerisation von Tanninen, Veresterung und Hydrolyse. Diese Reaktionen verwandeln primäre Fruchtaromen in tertiäre Bouquet-Noten (Trüffel, Leder, Unterholz), verringern die Säure-Empfindung und machen Tannine geschmeidiger.

Ausführliche Antwort

Die Alterung eines Weines ist ein faszinierendes biochemisches Uhrwerk. Sauerstoffeintritt durch den Korken (für Naturkork etwa 0,1–1 mg pro Jahr) setzt langsame Oxidationsprozesse in Gang. Acetaldehyd bildet sich aus Ethanol und bindet mit Anthocyanen und Tanninen, was zur Polymerisation führt. Kondensierte Pigment-Tannin-Komplexe werden wasserunlöslich und fallen als Depot aus, der Wein verliert Farbintensität und gewinnt an Klarheit.

Die Veresterung ist ein weiterer Schlüsselprozess. Freie Säuren (Weinsäure, Essigsäure, Buttersäure) reagieren mit Alkoholen zu Estern, die charakteristische Aromen freisetzen: Ethylhexanoat (fruchtige Apfelnoten), Ethyllactat (cremig), Diethylsuccinat (karamellig). Diese Prozesse dauern Jahre und Jahrzehnte. Ein 30-jähriger Bordeaux entwickelt so eine Aromenpalette, die einem jungen Wein völlig fehlt: Zedernholz, Zigarrenkiste, Trüffel, feuchtes Laub, Leder.

Bei Weißweinen sind die Alterungsaromen nicht minder spannend. Riesling entwickelt nach 10–15 Jahren die berühmte Petrolnote durch das Molekül 1,1,6-Trimethyl-1,2-dihydronaphthalin (TDN), das aus Carotinoiden der Traube gebildet wird. Wachau-Smaragd-Riesling, Mosel-Spätlese und Rheingau-GG-Rieslinge aus den Jahrgängen 2010, 2015 und 2018 zeigen heute diese tertiäre Entwicklung. Chardonnays aus Burgund entwickeln Haselnuss, Honig und getrocknete Aprikosennoten. Südfranzösische Weißweine können sogar Sherry-ähnliche Oxidationsnoten entwickeln, wenn sie bewusst oxidativ ausgebaut wurden.

Ein wichtiger Aspekt: Nicht jeder Wein profitiert von Alterung. Rund 95 % aller weltweit produzierten Weine sind für den Konsum innerhalb von ein bis drei Jahren nach Abfüllung vorgesehen. Nur etwa 5 % können wirklich über 10 Jahre reifen, und weniger als 1 % lohnen sich über 30 Jahre hinaus. Die Alterungsfähigkeit hängt von Säure, Tannin, Restzucker (bei Süßweinen), Alkohol und Extrakt ab – je höher diese Konzentrationen, desto länger das Potenzial. Ein Château Latour 1982 kann noch 50 Jahre reifen. Ein Standardbeaujolais sollte nach zwei Jahren getrunken werden. Eine wenig bekannte Tatsache: Der Süßpunkt jedes Weines – wann ist er optimal? – hängt individuell von jedem Jahrgang und jeder Flasche ab. Selbst bei identischer Provenienz können zwei Flaschen desselben Jahrgangs dank minimal unterschiedlicher Korken einen Reifeunterschied von mehreren Jahren aufweisen.

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