Was bedeuten die Kirchenfenster oder Tränen im Weinglas?
Kurze Antwort
Die sogenannten Kirchenfenster, Beine oder Tränen des Weins sind flüssige Rinnsale, die nach dem Schwenken an der Glasinnenwand herunterlaufen. Sie entstehen durch den Marangoni-Effekt, ein physikalisches Phänomen infolge unterschiedlicher Oberflächenspannungen von Alkohol und Wasser. Sie weisen auf Alkoholgehalt und Extrakt hin, sagen aber nichts über die Qualität aus.
Ausführliche Antwort
Das Phänomen wurde 1865 vom italienischen Physiker Carlo Marangoni wissenschaftlich beschrieben und bereits 1855 vom britischen Physiker James Thomson beobachtet, dem Bruder von Lord Kelvin. Ethanol verdunstet schneller als Wasser und hat eine niedrigere Oberflächenspannung (22 mN/m vs. 72 mN/m bei Wasser). An der Glasinnenwand steigt der dünne Weinfilm durch Kapillarkräfte auf, verliert dort Alkohol durch Verdunstung und wird somit wasserreicher und schwerer. Die so entstandenen Tropfen fließen als Tränen zurück.
Die Ausprägung der Kirchenfenster hängt also von mehreren Faktoren ab: dem Alkoholgehalt (je höher, desto markanter), dem Glycerin- und Zuckergehalt (erhöhen Viskosität) und dem Gesamtextrakt (Mineralstoffe, Phenole). Ein Portwein mit 20 % vol. oder eine Trockenbeerenauslese mit hohem Restzucker bildet wesentlich dichtere Schlieren als ein leichter Mosel-Kabinett mit 8 % vol.
Entgegen weitverbreiteter Meinung sind Kirchenfenster kein Qualitätsindikator. Ein billiger Tafelwein mit 14 % vol. kann mehr Tränen bilden als ein feiner Grand Cru mit 12,5 % vol. Was die Beine hingegen nützlich anzeigen, ist die Körperfülle (body) und der mögliche Alterungszustand. Professionelle Verkoster nutzen sie als groben visuellen Hinweis auf die Weinstruktur, nicht auf die Exzellenz.
Eine kuriose Tatsache: Die Form und Sauberkeit des Glases beeinflusst das Ergebnis erheblich. Spuren von Spülmittel zerstören die Oberflächenspannung und verhindern die Bildung klarer Schlieren. Sommeliers polieren Gläser deshalb ausschließlich mit Mikrofasertüchern und destilliertem Wasser. Auch die Temperatur spielt eine Rolle: Bei 20 °C zeigen sich die Tränen deutlicher als bei gekühlten 8 °C.