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Was bedeutet der Jahrgang (Millésime) beim Wein?

Kurze Antwort

Der Jahrgang bezeichnet das Erntejahr der Trauben, aus denen der Wein hergestellt wurde. Er bestimmt die klimatischen Bedingungen (Reife, Säure, Sanitärzustand) und damit den Stil und das Alterungspotenzial des Weines.

Ausführliche Antwort

Der Begriff Jahrgang (französisch Millésime, englisch Vintage) ist in den meisten europäischen Weingesetzen streng reguliert: Mindestens 85 % der Trauben müssen aus dem angegebenen Jahr stammen (EU-Verordnung 1308/2013). In den USA gilt die gleiche 85-%-Regel, in Australien sogar 95 %. Ein Jahrgangswein spiegelt präzise die klimatischen Bedingungen einer Vegetationsperiode wider: Blütetemperaturen im Juni (entscheiden über Fruchtansatz), Niederschlagsmengen im Juli-August (beeinflussen Beerengröße und Konzentration), Sonneneinstrahlung im September (bestimmt die Zuckerakkumulation und Polyphenol-Reife). Jede dieser Variablen wirkt sich auf Alkoholgehalt, Säure, Tannin-Struktur und aromatische Komplexität aus.

Die Erstellung des Jahrgangs folgt einem präzisen Protokoll: Die Lese erfolgt, wenn die "phenolische Reife" (Polyphenole, Anthocyane) mit der "technologischen Reife" (Zucker, Säure) synchronisiert ist. Winzer messen mit Refraktometern (°Brix, °Oechsle, °Baumé) und pH-Metern den idealen Lesezeitpunkt. In klassischen Regionen wie Bordeaux kann ein Jahrgang über Jahrzehnte hinweg als "Gründermillésime" in die Geschichte eingehen: 1945 (Kriegsende, minimale Erträge), 1961 (außergewöhnliche Konzentration), 1982 (Wendepunkt für moderne Bordeaux-Weine, kanonisiert durch Robert Parker), 2000, 2005, 2009, 2010, 2015, 2016 und 2018 gelten als große Jahrgänge.

Eine Besonderheit: Champagner wird traditionell als Non-Vintage (NV) oder Brut sans Année produziert, durch Verschnitt mehrerer Jahrgänge, um einen konsistenten Hausstil zu garantieren. Nur in außergewöhnlichen Jahren deklariert ein Champagner-Haus einen "Millésime" (etwa 3 bis 4 Mal pro Dekade). Diese Jahrgangs-Champagner, wie der Dom Pérignon 2012 oder Krug Vintage 2008, müssen mindestens 36 Monate auf der Hefe reifen (Grand Cru Champagne-Erzeuger oft 7 bis 10 Jahre). Wenig bekannt: Das klimatologische Jahr 1816, nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien 1815, galt als "Jahr ohne Sommer". Die Weine aus Deutschland, Österreich und Nordeuropa waren unbrauchbar, während sich Portugal, Spanien und Sizilien über hervorragende, sonnige Jahrgänge freuten.

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