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Was bedeutet die Länge im Abgang eines Weines?

Kurze Antwort

Die Länge (Abgang, finish) bezeichnet die Dauer, während der die Aromen des Weins nach dem Schlucken am Gaumen spürbar bleiben. Sie wird in Sekunden oder Caudalies gemessen (1 Caudalie = 1 Sekunde). Eine lange Persistenz von 10 Sekunden oder mehr ist ein zentraler Qualitätsindikator und Zeichen von Extrakt und Konzentration.

Ausführliche Antwort

Die Länge wird vor allem retronasal wahrgenommen: Nach dem Schlucken strömen erwärmte Aromamoleküle durch den Rachen in die Nasenhöhle, wo sie auf die Riechrezeptoren treffen. Diese retronasale Olfaktorik ist weniger intensiv, aber länger anhaltend als die direkte orthonasale Wahrnehmung. Professionelle Verkoster nutzen einen Chronometer, um die Länge objektiv zu messen: Ein sehr kurzer Wein hält 2–4 Sekunden, ein mittellanger 5–8 Sekunden, ein langer 9–12 Sekunden, ein außerordentlich langer 15+ Sekunden.

Der Begriff Caudalie (aus dem Lateinischen cauda, Schwanz) wurde in den 1960er Jahren von Max Léglise, dem Direktor des INAO-Labors in Beaune, geprägt. Eine Caudalie entspricht exakt einer Sekunde. Grand Crus wie Romanée-Conti oder Château d'Yquem erreichen regelmäßig 20 oder mehr Caudalies – die Aromen entwickeln sich dabei sogar, indem zunächst Frucht, dann Mineralität, schließlich Holz- oder Lederonde hervortreten.

Was bestimmt die Länge? Mehrere Faktoren wirken zusammen: hoher Trockenextrakt (über 28 g/L bei Rotwein), feine Tannine, präzise Säure, Alkoholgehalt und die Konzentration aromatischer Moleküle. Hefeausbau (sur lies) verleiht zusätzliche Persistenz durch Glycoproteine und Polysaccharide der autolysierten Hefe. Die Traubenreife und niedrige Erträge pro Hektar (oft unter 30 hl/ha bei Grands Crus, gegenüber 60 hl/ha bei Basisweinen) konzentrieren aromatische Komponenten.

Ein interessanter Aspekt: Nicht jede Länge ist positiv. Eine Länge aus Adstringenz (austrocknende Tannine), Bitterkeit (zu viel Holzeinsatz, grünes Tannin) oder Säure ist ein Qualitätsmangel. Die gute Länge ist aromatisch und harmonisch – sie entwickelt sich und hinterlässt einen positiven Eindruck. Eine wenig bekannte Praxis: Profis spucken bei der Messung aus und atmen kontrolliert durch die Nase aus, um nur die retronasale Wahrnehmung zu messen. Viele Weinkritiker, darunter Robert Parker und Jancis Robinson, haben die Länge als das zuverlässigste Qualitätskriterium bezeichnet. Es lässt sich nicht durch Kellertechnik vortäuschen: Länge kommt aus dem Weinberg, aus dem Boden und aus der Reife.

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