Was ist der Gamay?
Kurze Antwort
Gamay (vollständig Gamay Noir à Jus Blanc) ist eine frühreife rote Rebsorte, die fast ausschließlich im Beaujolais kultiviert wird. Sie entstand als natürliche Kreuzung zwischen Pinot Noir und Gouais Blanc und ergibt leichte, fruchtbetonte Weine mit wenig Tannin – besonders durch die carbonische Mazerationsmethode geprägt.
Ausführliche Antwort
Die DNA-Analysen von 1999 identifizierten Gamay als Halbgeschwister von Chardonnay: Beide haben dieselben Eltern (Pinot Noir × Gouais Blanc), ihr Kreuzungsereignis fand jedoch unabhängig voneinander im burgundischen Raum im 14. oder 15. Jahrhundert statt. Die erste schriftliche Erwähnung des Gamay stammt aus dem Jahr 1395, als Herzog Philipp der Kühne von Burgund den Gamay aus dem Herzogtum verbannte mit den berühmten Worten: "Gamay ist eine böse, treulose Pflanze" (très déloyal plante). Der Dekret verwies die Sorte ins Beaujolais südlich der Saône, 40 km südlich von Dijon.
Die Beaujolais-Region umfasst 16.000 Hektar, davon 98 % Gamay, was die höchste Rebsortenmonokultur Europas bei einer bedeutenden Weinregion darstellt. Die agronomischen Besonderheiten: Frühe Austreibung (Mitte April), frühe Reife (Mitte September), relativ kleine Beeren mit wenig Haut, hoher Säuregehalt, niedriges Tannin. Die Sorte gedeiht bevorzugt auf Granit- und Schieferböden, die in der nördlichen Hälfte der Region die zehn Cru-Appellationen prägen (Saint-Amour bis Brouilly).
Vinifikatorisch ist der Gamay eng mit der macération carbonique verbunden: Ganze, unzerquetschte Trauben gären in CO2-gesättigter Atmosphäre intrazellulär (innerhalb der Beeren), bevor die klassische Vergärung einsetzt. Diese Technik, wissenschaftlich strukturiert vom Önologen Jules Chauvet in den 1930er Jahren, produziert die typischen Bonbon-, Banan- und Kaugummi-Aromen (Ester und Acetat-Verbindungen) – charakteristisch für Beaujolais Nouveau. Die Cru-Produzenten hingegen nutzen zunehmend klassische Burgunder-Vinifikation für strukturiertere, lagerfähige Weine. Wenig bekannt: Jules Chauvet gilt als geistiger Vater der weltweiten Naturweinbewegung – er predigte ab 1950 die Vinifikation ohne Zusatzstoffe (keine Schwefeldioxid-Zugabe, natürliche Hefen, keine Chaptalisation) und beeinflusste Winzer wie Marcel Lapierre, Jean Foillard und Guy Breton (die sogenannte Bande des Cinq), die ab den 1980ern die moderne Natur-Weinszene gründeten. Ein Morgon Cuvée Camille (Jean Foillard) oder ein Moulin-à-Vent von Thibault Liger-Belair kann 15–20 Jahre altern und stilistisch dem Côte-de-Nuits-Pinot erstaunlich nahe kommen.