Was ist der Merlot?
Kurze Antwort
Merlot ist eine früh reifende Rotweinsorte bordelaiser Herkunft, DNA-bestätigt als Geschwistersorte des Cabernet Franc. Die Sorte produziert weichere, tanninärmere Weine als Cabernet Sauvignon, mit Aromen von Pflaume, schwarzer Kirsche, Kakao und reifer Beere. Kerngebiete: rechte Bordeaux-Ufer (Saint-Émilion, Pomerol), Toskana, Chile, USA.
Ausführliche Antwort
Merlot ist mit 266.000 Hektar weltweit die zweitmeistangebaute Rotrebsorte, direkt nach Cabernet Sauvignon. Die DNA-Analysen (1997, Universität Davis) zeigten, dass Merlot einen Elternteil mit Cabernet Sauvignon teilt – Cabernet Franc. Der zweite Elternteil ist Magdeleine Noire des Charentes, eine fast ausgestorbene bordelaiser Sorte. Der Name Merlot leitet sich von merle (Amsel) ab, wohl wegen der Vorliebe der Vögel für die frühreifen blauen Beeren.
Agronomisch ist Merlot wesentlich früher als Cabernet – zwei bis drei Wochen Vorsprung in der Reife. Das macht die Sorte ideal für Bordeaux' rechtes Ufer (Saint-Émilion, Pomerol), wo die lehmigen, eisenhaltigen Böden die Reife des späten Cabernet Sauvignon erschweren. Auf den kühleren Lehmböden bleibt Merlot strukturiert mit mittleren Tanninen; auf wärmeren Lagen entwickelt er schnell überreife Aromen und hohen Alkohol. Die Anfälligkeit für Coulure (Verrieseln) bei der Blüte und für Botrytis bei der Ernte macht Merlot zu einer empfindlicheren Sorte als sein Ruf suggeriert.
Die Stile variieren erheblich geografisch: Pomerol-Merlot auf Ton (Pétrus, Trotanoy, L'Église-Clinet) produziert samtige Weine mit erdigen Trüffelnoten und 30–50 Jahren Lagerfähigkeit. Saint-Émilion-Merlot je nach Subzone zwischen kalksteinmineralisch (Figeac) und dichtkonzentriert (Pavie). Amerikanischer Merlot (Washington State, Napa) entwickelt eine weichere, schokoladigere Variante. Italienische Super-Toskaner wie Masseto (100 % Merlot auf 7 Hektar Ton in Bolgheri) zeigen die Fähigkeit der Sorte, außerhalb Bordeaux' Spitzenqualität zu erreichen – Masseto erreicht Flaschenpreise über 800 Euro. Wenig bekannt: Der Sideways-Effekt von 2004 brach den amerikanischen Merlot-Markt massiv ein: Innerhalb von fünf Jahren sank die Merlot-Nachfrage um 2 %, während Pinot Noir +170 % explodierte (Studie Sonoma State University, 2009). Viele kalifornische Merlot-Weinberge wurden auf Pinot oder Zinfandel umgepfropft. Auch bemerkenswert: 1994 entdeckte Jean-Michel Boursiquot, dass viele chilenische Merlot-Weinberge tatsächlich Carménère enthielten – ein Fall von 150 Jahre unerkannter Identitätsverwechslung.