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Was ist die Kohlensäuremazeration (Macération Carbonique)?

Kurze Antwort

Die Kohlensäuremazeration ist eine Vinifikationsmethode, bei der ganze, unverletzte Trauben in einem CO₂-gesättigten Tank ohne Sauerstoff fermentieren. Die intrazelluläre Gärung erzeugt fruchtige, strukturleichte Weine mit charakteristischem Bananen- und Bonbon-Aroma.

Ausführliche Antwort

Die Macération Carbonique wurde 1934 durch Michel Flanzy am INRAE-Institut in Narbonne entdeckt und ab 1940 in Beaujolais systematisch angewendet. Das Verfahren basiert auf der anaeroben, intrazellulären Gärung ganzer, unverletzter Trauben: In einem hermetisch mit CO₂ gesättigten Tank (bei 30 bis 32 °C) beginnen die Trauben, in ihren eigenen Zellen ohne Hefe zu fermentieren. Enzyme der Traube (Pyruvat-Decarboxylase, Alkohol-Dehydrogenase) wandeln Zucker teilweise in Alkohol (1 bis 2,5 Vol.-%) um, bis die Beere unter ihrem eigenen Gewicht platzt und die normale hefebasierte Fermentation einsetzt. Dieser Prozess dauert typischerweise 5 bis 15 Tage.

Die sensorischen Auswirkungen sind signifikant: Der Wein gewinnt Aromen von Banane (Isoamylacetat), Kirschbonbon, Kaugummi und rote Früchten (Brombeere, Himbeere). Die Tannin-Extraktion ist minimal (IPT-Index unter 30), weil die Schalen weniger Zeit im Kontakt mit dem alkoholhaltigen Saft verbringen. Die malolaktische Gärung erfolgt oft parallel zur alkoholischen, wodurch die Säure schneller sinkt. Der Alkoholgehalt bleibt moderat (11 bis 12,5 %), die Farbe hell-rubinrot. Diese Methode wird besonders für Gamay Noir in Beaujolais Nouveau (jährliche Veröffentlichung jeden dritten Donnerstag im November seit 1951) und Beaujolais Villages angewendet.

Eine wichtige Variante ist die Macération Semi-Carbonique oder Halbkohlensäuremazeration, bei der die Trauben nicht unter zusätzliches CO₂-Gas gesetzt werden, sondern der Tank natürlich mit CO₂ aus der spontan einsetzenden Gärung der untersten, gepressten Trauben geflutet wird. Dies ist die dominante Methode in Morgon, Fleurie, Moulin-à-Vent und anderen Cru-Beaujolais, wo Winzer wie Jean Foillard, Marcel Lapierre oder Yvon Métras komplexere, strukturreichere Gamays produzieren. Wenig bekannt: Die Methode wird auch in Languedoc für Grenache und Carignan, in La Mancha für Tempranillo und experimentell in Napa Valley für Cabernet Franc angewendet. Die "Glou-Glou"-Bewegung – trinkbare, fruchtbetonte, wenig tanninhaltige Rotweine – beruht stark auf dieser Technik. Überraschend: In Kalifornien entwickelten Gavin Chanin und Caleb Leisure in den 2010er Jahren moderne Kohlensäure-Mazerationen aus Pinot Noir, was eine neue Stilistik im High-End-Segment geschaffen hat.

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