Was ist ein Amphorenwein?
Kurze Antwort
Ein Amphorenwein wird in Tonkrügen (Amphoren) vergoren und gereift, wie es seit der Antike praktiziert wird. Die Methode erlebt eine Renaissance, besonders in Georgien mit Qvevris und in Italien und Frankreich bei Naturweinbauern.
Ausführliche Antwort
Der Amphorenwein ist die älteste Weinbereitungsmethode der Menschheitsgeschichte und hat eine dokumentierte Tradition von über 8000 Jahren. Die ersten archäologischen Belege stammen aus Georgien, konkret aus den neolithischen Stätten Gadachrili Gora und Shulaveri Gora, wo Chemiker der UCLA 2017 Tartrat-Rückstände in Tonkrügen aus 6000 v. Chr. identifizierten. In Georgien wird die Tradition bis heute ungebrochen fortgesetzt – die Qvevri, große, birnenförmige Tonamphoren, werden im Boden vergraben und für die Gärung und Reifung der Weine verwendet. Die UNESCO hat die Qvevri-Methode 2013 zum immateriellen Kulturerbe erklärt.
Die Technik unterscheidet sich fundamental von moderner Vinifikation. Die Trauben werden mit Schalen, Kernen und oft Stielen in die Qvevri gegeben, wo die Gärung ohne Temperaturkontrolle spontan beginnt. Die Amphore wird mit Tonschüsseln abgedeckt, aber nicht hermetisch verschlossen – ein Hauch Mikrooxidation gelangt durch die poröse Wand. Die Mazeration dauert bei weißen Rebsorten wie Rkatsiteli oder Mtsvane mehrere Monate, was die charakteristische bernsteinfarbene Farbe der „Orange Wines“ erzeugt. Die Tannine und Polyphenole der Schalen werden dabei extrahiert, wie bei einem Rotwein.
Die moderne Renaissance der Amphorenweinherstellung begann in den 2000er Jahren. Italienische Winzer in Friuli wie Josko Gravner und Stanko Radikon adoptierten die georgische Methode als Antwort auf die Standardisierung moderner Weine. Gravner importierte 2001 46 georgische Qvevris und integrierte sie in seine Vinifikation. Heute gibt es Amphoren-Projekte in fast jeder europäischen Weinregion. In Frankreich produziert die Domaine de la Romanée-Conti seit 2017 eine experimentelle Cuvée in Amphoren, während Elisabetta Foradori in Trentino einen kompletten Teresano-Nosiola in Tonoko-Terrakotta reift. Ein überraschender Fakt: Die Amphoren werden mit Bienenwachs im Inneren versiegelt, um Porosität zu kontrollieren. Die spanische Marke Tinajas de Villarrobledo in Kastilien-La Mancha hat die antike Tinaja-Tradition wiederbelebt – diese zylindrischen Tonkrüge sind Vorläufer der modernen Tanks. Amphorenweine zeigen eine einzigartige Textur: leicht gerbstoffig durch die Schalenmazeration, mineralisch durch den Tonkontakt und oft mit oxidativen Noten – ein Profil, das polarisiert, aber eine engagierte Anhängerschaft findet.