Was ist ein Vouvray-Wein?
Kurze Antwort
Vouvray ist eine Appellation der Touraine an der mittleren Loire, ausschliesslich aus Chenin Blanc erzeugt. Auf rund 2200 Hektar produziert sie alle Stile: trocken, halbtrocken, lieblich, edelsüss und Schaumwein – eine stilistische Vielfalt, die weltweit einzigartig ist.
Ausführliche Antwort
Die AOC Vouvray wurde 1936 anerkannt und umfasst acht Gemeinden am rechten Ufer der Loire östlich von Tours. Die Böden bestehen überwiegend aus Tuffeau – einem porösen Kalkstein aus der Kreidezeit, der auch die Fassaden der Schlösser der Loire prägt – überlagert von Lehm und silikathaltigen Aufschüttungen. Diese Bodenstruktur speichert Wasser und gleicht die Hitzewellen der Sommer aus, während die in den Tuffeau gegrabenen Keller (Caves troglodytes) für natürlich konstante Temperaturen zwischen 12 und 14 °C sorgen. Viele Weingüter – darunter Domaine Huet oder François Chidaine – nutzen diese Felsenkeller seit Jahrhunderten.
Die Rebsorte Chenin Blanc – lokal "Pineau de la Loire" genannt – ist genetisch bemerkenswert: Sie verfügt über eine seltene Kombination aus hohem Säure- und hohem Zuckerpotenzial, was die stilistische Vielfalt erklärt. Je nach Jahrgang entscheiden die Winzer, ob sie trocken (sec, unter 4 g/l Restzucker), halbtrocken (demi-sec, 4-12 g/l), lieblich (moelleux, 12-45 g/l) oder edelsüss (doux, über 45 g/l) vinifizieren. In Jahren mit Botrytis cinerea – dem Edelfäule-Pilz – entstehen Spitzenweine mit Lagerpotenzial von 50 bis über 100 Jahren. Eine Flasche 1921 Vouvray Moelleux von Huet wurde in den 2010er-Jahren noch als perfekt intakt verkostet.
Vouvray Mousseux, nach der méthode traditionnelle gewonnen, macht heute etwa 60 Prozent der Produktion aus – ein wenig bekannter Fakt, der den Ruf der Appellation als "Champagner der Loire" rechtfertigt. Die Cuvée Pétillant, ein Halbschäumer mit drei Bar Druck, ist eine Vouvray-Spezialität. Die Mineralität des Tuffeau, die Honig- und Kamillenoten gereifter Cuvées sowie die für Chenin Blanc typische Säurestruktur verleihen Vouvray ein aussergewöhnliches Reifepotenzial, das selbst die berühmtesten deutschen Rieslinge fordert. Referenzwinzer: Huet, François Chidaine, Vincent Carême, Philippe Foreau (Domaine du Clos Naudin).