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Was ist eine Blindverkostung und wie wird sie durchgeführt?

Kurze Antwort

Bei der Blindverkostung werden Weine ohne Kenntnis von Herkunft, Winzer oder Preis bewertet. Sie dient der objektiven Qualitätsbeurteilung ohne kognitive Verzerrungen. Die Flaschen werden in Papier oder schwarzen Gläsern verdeckt, die Reihenfolge wird zufällig bestimmt.

Ausführliche Antwort

Die Blindverkostung ist die wissenschaftlich validierteste Methode der Weinbewertung und die Grundlage aller seriösen Wettbewerbe und Bewertungsinstitute. Methodisch lohnt sich ein genauer Blick auf Protokolle, psychologische Fallstricke und spezifische Anwendungsformen.

Drei Hauptformen der Blindverkostung. Erste Form – Single Blind: Die Weine sind dem Verkoster verdeckt, die Verkostungsleitung kennt aber die Identität. Zweite Form – Double Blind: Weder Verkoster noch Leitung kennen die Identität. Die Reihenfolge wird durch eine dritte unabhängige Person festgelegt. Dies ist der Goldstandard für wissenschaftliche Studien. Dritte Form – Triple Blind: Selbst die Kategorisierung (Rebsorte, Region, Alter) ist unbekannt. Der Verkoster muss alles erraten. Dies ist die Prüfungsform bei Master Sommelier und Master of Wine-Prüfungen.

Technische Durchführung: Die Flaschen werden in schwarze Säcke oder neutrales Papier gewickelt, sodass weder Etikett noch Flaschenform erkennbar sind. Bei professionellen Bewertungen werden manchmal schwarze Gläser verwendet, um auch die Farbanalyse zu verhindern (extrem anspruchsvoll). Die Temperatur aller Weine wird standardisiert (Weißwein 10-12 °C, Rotwein 16-18 °C). Die Reihenfolge wird randomisiert. Zwischen den Weinen werden mindestens 30 Sekunden Pause eingelegt, idealerweise mit neutralem Wasser und Brot.

Bewertungsprotokoll: Die Verkoster nutzen eine strukturierte Methodik wie die WSET-SAT oder das 100-Punkte-System von Robert Parker / Wine Spectator. Bei komparativen Verkostungen wird häufig das Ranking statt Einzelbewertungen verwendet, um Inter-Rater-Reliabilität zu maximieren.

Psychologische Herausforderungen: Die kognitive Verzerrung durch Etiketten ist enorm dokumentiert. Ein berühmtes Experiment von Frédéric Brochet (Universität Bordeaux, 2001) zeigte, dass renommierte Kritiker denselben Weißwein als vorzüglich bewerten, wenn er als teurer Grand Cru präsentiert wird, und als mittelmäßig, wenn er als Tafelwein deklariert wird. Ein anderes Brochet-Experiment bewies, dass Kritiker einem Weißwein, der mit Lebensmittelfarbe rot gefärbt wurde, Rotweinaromen zuschrieben – obwohl er sensorisch identisch zum ungefärbten Wein blieb.

Ein wenig bekannter Fakt: Die berühmte Pariser Blindverkostung von 1976 (Judgment of Paris), organisiert von Steven Spurrier, veränderte die Weinwelt dramatisch. Französische Top-Kritiker verkosteten kalifornische Chardonnays und Cabernets blind gegen französische Premier Crus und bewerteten die kalifornischen Weine höher (Stag's Leap Cabernet 1973, Chateau Montelena Chardonnay 1973). Dies durchbrach das französische Monopol in der Weinhochwelt und löste die kalifornische Wein-Revolution aus.

Praktische Anwendung für Weinliebhaber: Organisieren Sie regelmäßige Blindverkostungen im Freundeskreis. Kaufen Sie 6-8 Weine einer Kategorie (z. B. Sauvignon Blanc aus verschiedenen Ländern), lassen Sie eine Person die Flaschen verhüllen, und ranken Sie ohne Identitätswissen. Die Ergebnisse überraschen oft – teure Weine gewinnen nicht immer, und kognitive Verzerrungen werden offensichtlich.

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