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Welche Rebsorten sind am widerstandsfähigsten gegen den Klimawandel?

Kurze Antwort

Zu den klimaresistentesten Rebsorten zählen spätreifende, trockenheitstolerante und hitzebeständige Sorten wie Mourvèdre, Grenache, Carignan, Nero d'Avola, Xinomavro, Assyrtiko, Fiano und Agiorgitiko. Neue pilzwiderstandsfähige Piwi-Sorten (wie Souvignier Gris oder Cabernet Cortis) und autochthone Mittelmeersorten gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Ausführliche Antwort

Die Klimaveränderungen haben den europäischen Weinbau in den letzten zwei Jahrzehnten fundamental verändert: Die Vegetationsperiode hat sich verkürzt, die Ernte fällt drei bis vier Wochen früher als in den 1980er-Jahren, die Alkoholgehalte sind im Durchschnitt um 1,5 bis 2 Prozent gestiegen, und Hitzestressereignisse sowie späte Frostschäden treten häufiger auf. Diese neuen Bedingungen privilegieren bestimmte Rebsorten, deren botanische und physiologische Eigenschaften an wärmere Klimate angepasst sind.

Mourvèdre (auch Monastrell oder Mataro genannt) zählt zu den hitzetolerantesten Vitis-vinifera-Rebsorten der Welt. Die Sorte hat einen sehr hohen Wasserbedarf, kann aber dank ihrer tief wurzelnden Stöcke Trockenperioden gut überstehen und reift erst Anfang Oktober vollständig – eine Eigenschaft, die in südfranzösischen und spanischen Appellationen an Wert gewinnt. Assyrtiko aus Santorini hat sich in internationalen Studien als Referenzrebsorte für heissed/trockenes Klima etabliert: Sie bewahrt auch bei 14 Prozent Alkohol eine Säure von 7-8 g/l (TA), was in Chardonnay-Regionen heute unerreichbar ist. Fiano und Greco di Tufo aus Kampanien zeigen ähnliche Qualitäten.

Die sogenannten Piwi-Sorten (pilzwiderstandsfähige Interspezifische Kreuzungen) sind ein zweiter Ansatz: Hybrid-Züchtungen zwischen Vitis vinifera und amerikanischen oder asiatischen Vitis-Arten wie Vitis riparia oder Vitis amurensis. Sorten wie Souvignier Gris, Muscaris, Solaris oder Cabernet Cortis benötigen 70 bis 90 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel als traditionelle Vitis-vinifera-Sorten und zeigen zudem erhöhte Frost- und Hitzeresistenz. In Deutschland sind sie seit 2021 für Qualitätsweinproduktion zugelassen; Frankreich und Italien erlauben sie zunehmend auch in AOC-Cuvées (bis zu 10 Prozent).

Ein wenig bekannter Fakt: Das Bordeaux-Anbaugebiet hat 2019 sechs neue Rebsorten für einen Testzeitraum in die AOC-Reglements aufgenommen (Arinarnoa, Castets, Marselan, Touriga Nacional sowie Alvarinho und Liliorila bei den Weissen) – eine historische Premiere, die die Anpassungsbereitschaft selbst der konservativsten Appellationen signalisiert. Auf lokal-ampelographischer Ebene werden auch vergessene autochthone Sorten wie Castets im Sud-Ouest, Piquepoul Noir im Languedoc oder Aidani auf Santorini durch das Klima-Interesse revitalisiert.

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