Wie beeinflusst der Klimawandel den Wein?
Kurze Antwort
Der Klimawandel führt zu früherer Reife, höheren Alkoholgehalten, niedrigeren Säuren und Verschiebungen der Anbaugebiete. Nördliche Regionen wie England und Belgien gewinnen an Relevanz, während südliche Regionen Anpassungen erfordern.
Ausführliche Antwort
Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für den globalen Weinbau seit der Reblaus-Krise im 19. Jahrhundert. Die Durchschnittstemperaturen in europäischen Weinbaugebieten sind seit 1980 um 1,7 °C gestiegen, was zu signifikanten phänologischen Verschiebungen führt. Die Traubenblüte in Burgund erfolgt heute durchschnittlich 20 Tage früher als 1950, die Lese beginnt in manchen Jahren bereits im August statt im September. Die Traubenreife erfolgt bei höherer Wärme, was die Zuckerproduktion beschleunigt und zu Alkoholgehalten über 14 % führt – vor 50 Jahren lagen Bordeaux-Weine typischerweise bei 12 %.
Die Auswirkungen sind rebsortenspezifisch. In Bordeaux hat Cabernet Sauvignon an Relevanz gewonnen, während Merlot, der Hitze stärker versagt, an Relevanz verliert. Die INAO hat 2019 sechs neue zugelassene Rebsorten für Bordeaux offiziell erlaubt (Marselan, Touriga Nacional, Arinarnoa, Castets, Alvarinho, Liliorila) – eine historische Entscheidung, die die Anpassung formalisiert. In Champagne ist der Säuregehalt der Trauben seit 1980 um 20 % gesunken, was die Dosage-Strategien verändert und das Interesse an „zero dosage“-Weinen verstärkt hat.
Ein überraschender Trend: Neue Weinbau-Regionen entstehen. In England wird seit 2010 Champagner-Qualität mit Méthode Traditionnelle produziert – Domäne wie Nyetimber oder Gusbourne rivalisieren mittlerweile mit Champagner-Grandes-Marques. Belgien hat seit 2005 eine echte Wein-Szene entwickelt, mit über 300 Hektar Rebflächen. In Pajottenland produziert das Domaine du Chant d'Éole seit 2018 Crémant, der auf der Concours Mondial du Bruxelles Goldmedaillen erhält. Ein interessanter Fakt: Selbst in Schweden und Dänemark gibt es heute kommerzielle Winzer. Die südlichen Regionen reagieren umgekehrt: Neue Anpflanzungen auf Höhenlagen über 800 m in der Etna (Sizilien) oder in Priorat (Katalonien) werden zur Regel. Die prognostizierte Verschiebung der klassischen Weinbau-Zonen um 200–300 km nach Norden bis 2050 wird die Weinwelt grundlegend umgestalten.