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Wie beschreibt man einen Wein?

Kurze Antwort

Die professionelle Weinbeschreibung folgt einem dreistufigen Schema: visuelle Analyse (Farbe, Intensität, Klarheit), olfaktorische Beurteilung (Intensität, Aromenpalette, Komplexität) und gustatorische Prüfung (Säure, Tannine, Alkohol, Körper, Länge). Das WSET-Systematic-Approach-to-Tasting (SAT) liefert hierfür das internationale Standardvokabular.

Ausführliche Antwort

Die WSET-Methode (Wine & Spirit Education Trust, London) ist seit 1969 der De-facto-Standard für strukturiertes Verkosten weltweit. Sie unterteilt die Beurteilung in vier Phasen. Bei der visuellen Analyse werden Klarheit (brillant, klar, trüb), Intensität (wässrig, mittel, tief), Farbe (bei Weißwein von grün-gelb über stroh- bis bernsteinfarben; bei Rotwein von purpur über rubinrot bis granat) und weitere Merkmale wie Perlage bewertet.

In der olfaktorischen Prüfung werden Zustand (sauber oder fehlerhaft), Intensität (leicht, mittel, ausgeprägt) und Aromencharakter beurteilt. Die Aromen werden in drei Kategorien eingeteilt: Primär (aus der Traube selbst, etwa Passionsfrucht beim Sauvignon Blanc durch 3-Mercaptohexanol), Sekundär (aus der Gärung, etwa Buttigkeit durch Diacetyl nach malolaktischer Gärung) und Tertiär (aus der Reifung, etwa Tabak, Leder, Petrolnote beim gereiften Riesling durch 1,1,6-Trimethyl-1,2-dihydronaphthalin – TDN).

Am Gaumen werden Süße, Säure, Tannine (bei Rotwein), Alkohol, Körper, Aromenintensität, Aromencharakter und Abgang (Länge in Sekunden) beurteilt. Die Länge – auf Französisch caudalie genannt, wobei eine Caudalie einer Sekunde entspricht – ist ein Qualitätsindikator: Große Weine haben eine Länge von 10+ Sekunden. Schließlich erfolgt die Gesamtbewertung nach Balance, Länge, Intensität und Komplexität.

Ein faszinierender Aspekt der Beschreibung ist die kulturelle Dimension. Der französische Ansatz tendiert zu poetisch-abstrakten Bildern (un vin élégant, pierreux), während der angelsächsische Stil nach Parker seit den 1980ern konkrete Fruchtvergleiche bevorzugt (dark cherries, cassis). Die deutsche Tradition betont Rebsorte, Lage und Prädikat stärker. Professionelle Verkoster unterscheiden rund 150 Aromadeskriptoren nach dem Aromarad von Ann Noble (UC Davis, 1984), von floral-fruchtig bis animalisch-vegetabil.

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