Wie kauft man Wein en primeur?
Kurze Antwort
Der Primeur-Kauf bezeichnet den Erwerb von Weinen vor der Flaschenabfüllung, meist 18 bis 24 Monate nach der Ernte. Bordeaux dominiert dieses System mit jährlichen Primeur-Wochen im April. Der Käufer profitiert von Vorzugspreisen, trägt aber Liefer- und Marktpreisrisiken.
Ausführliche Antwort
Das Primeur-System (auch "En Primeur" oder "Wine Futures") entstand im Bordelais im 18. Jahrhundert als Mechanismus für Châteaux, Liquidität vor der Marktreife der Weine zu generieren. Heute folgt das System einem festen Kalender: Im April nach der Ernte werden Fassmuster bei der Bordeaux-Primeur-Woche von rund 5.000 Käufern, Händlern und Kritikern verkostet. Kritiker wie Neal Martin, Antonio Galloni, Jane Anson, William Kelley (Wine Advocate) und Lisa Perrotti-Brown veröffentlichen ihre Bewertungen, die als Marktindikator dienen. Die Châteaux setzen anschließend ihre Preise fest und verkaufen über das traditionelle Bordeaux Place-System (Courtiers an Négociants an Importer).
Der entscheidende ökonomische Mechanismus: Der Käufer zahlt sofort, erhält die Flaschen aber erst 18 bis 24 Monate später nach Vollendung der Fassreife und Abfüllung. Ist der Markt zwischenzeitlich gestiegen, hat der Käufer einen erheblichen Preisvorteil; ist er gefallen, sitzt er auf überteuerten Beständen. Klassische Beispiele für erfolgreiche Primeur-Käufe: Bordeaux 2005 (Steigerung von 30 bis 80 % bei Auslieferung), 2009 (50 bis 150 %), 2010 (40 bis 100 %), 2016 (20 bis 60 %). Misslungene Jahrgänge waren 2011 bis 2014 sowie 2017, wo viele Weine nach Auslieferung unter dem Primeur-Preis gehandelt wurden.
Ein oft übersehenes Detail: Die Bewertung von Fassmustern unterliegt erheblicher Unsicherheit. Junge Weine zeigen noch nicht ihren endgültigen Charakter, die Beurteilung erfordert erhebliche Expertise. Robert Parker, der das System maßgeblich populär machte, schätzte 2014 selbst, dass etwa 30 % seiner Primeur-Bewertungen mit den späteren Flaschenproben nicht übereinstimmten. Die Entwicklung in den 18 bis 24 Monaten Fassreife ist nicht vorhersagbar und Châteaux nehmen bis zur Abfüllung noch Justierungen vor.
Der Primeur-Markt hat sich über Bordeaux hinaus erweitert. Die Burgunder-Primeurs im Januar (für den Vorvorjahreskartoon) sind weniger systematisiert, aber für Top-Domaines essenziell. Champagner-Spezialfreigaben (Salon, Krug Clos d'Ambonnay) folgen ähnlichen Prinzipien. Italienische Spitzenweingüter wie Soldera (vor 2018) oder Quintarelli arbeiten mit Allokationssystem statt Primeur. Praktische Empfehlung: Primeur-Kauf nur bei renommierten Händlern (Farr Vintners, Berry Bros & Rudd, Justerini & Brooks), die die Lieferung und das Bonded Warehousing seriös abwickeln. Bei belgischen oder französischen Händlern auf Vertrauenswürdigkeit, Insolvenzschutz und transparenten Lieferprozess achten. Bonded Warehousing in zertifizierten Cellars (Octavian, London City Bond) bietet steuerliche Vorteile und garantiert Provenienz für späteren Wiederverkauf.