Wie lange sollte man Wein in der Karaffe lassen?
Kurze Antwort
Die Dekantierdauer variiert zwischen 15 Minuten für delikate Weine und 3 Stunden für junge, strukturierte Rotweine. Alte Weine werden kurz vor dem Servieren nur zur Depot-Trennung umgegossen, ohne längere Belüftung.
Ausführliche Antwort
Die richtige Dekantierzeit ist eine Frage der Weinstruktur und des Reifegrads. Junge, tanninreiche Rotweine wie Bordeaux-Grand-Cru, Barolo oder Northern-Rhône-Syrah benötigen oft 2 bis 3 Stunden in einer breiten Karaffe, um ihre Tannine zu polymerisieren und die reduktiven Noten abzubauen. Ein 2020er Hermitage zeigt sich nach 30 Minuten noch verschlossen und erreicht seine Öffnungsspitze meist nach 90 bis 120 Minuten.
Für mittelalte Weine (5–15 Jahre) gilt die Faustregel: je älter, desto kürzer. Ein zehn Jahre alter Châteauneuf-du-Pape profitiert von 45 bis 60 Minuten, ein zwanzig Jahre alter Saint-Julien meist nur von 15 bis 30 Minuten. Bei alten Weinen über 25 Jahre ist das Ziel nicht mehr die Oxygenierung, sondern die Klärung: die Flasche wird 24 bis 48 Stunden vor dem Service aufrecht gestellt, damit sich das Depot am Boden sammelt, und das Dekantieren erfolgt direkt vor dem Servieren – oft in eine schmale Karaffe mit geringer Oberfläche.
Weißweine werden seltener dekantiert, profitieren aber in manchen Fällen von einer Belüftung. Ein junger Chablis Grand Cru, ein weißer Hermitage oder ein reifer Riesling Grand Cru können nach 20 bis 45 Minuten in der Karaffe dramatisch an Dichte gewinnen. Ein überraschender Punkt: Pinot Noirs gehören zu den am häufigsten falsch dekantierten Weinen. Ein alter Burgunder kann nach 20 Minuten bereits seine aromatische Spitze verloren haben – viele Sommeliers verzichten auf das Dekantieren zugunsten eines sanften Schwenkens im Glas, das eine kontrolliertere Belüftung ermöglicht.